Eigenwerte und Eigenvektoren
Dieses Kapitel erklärt Eigenwerte, Eigenvektoren, Eigenräume sowie algebraische und geometrische Vielfachheiten.
Ziel ist, Klausuraufgaben wie in den Altklausuren systematisch lösen zu können: Eigenwerte finden, Eigenräume berechnen,
Vielfachheiten bestimmen und Diagonalisierbarkeit prüfen.
1. Motivation (warum Eigenwerte?)
Eine Matrix \(A\) beschreibt eine lineare Abbildung \(T:\mathbb{R}^n\to\mathbb{R}^n\), \(T(x)=Ax\).
In der Regel werden Vektoren durch \(A\) in Richtung und Länge verändert. Es gibt jedoch spezielle Richtungen,
die nur gestreckt/gestaucht werden: das sind Eigenrichtungen.
Definition (Eigenwert, Eigenvektor).
Sei \(A\in K^{n\times n}\) (meist \(K=\mathbb{R}\) oder \(\mathbb{C}\)).
Eine Zahl \(\lambda\in K\) heißt Eigenwert von \(A\), wenn es einen Vektor \(v\neq 0\) gibt mit
\[
Av=\lambda v.
\]
Dann heißt \(v\) ein Eigenvektor zu \(\lambda\).
Merksatz.
\(Av=\lambda v\) bedeutet: \(v\) bleibt in seiner Richtung erhalten, nur der Faktor (Streckung) ist \(\lambda\).
Bei \(\lambda=0\) wird die Richtung auf 0 zusammengequetscht.
2. Eigenraum als Kern
Die Gleichung \(Av=\lambda v\) kann man umformen:
\[
Av-\lambda v = 0 \quad \Longleftrightarrow \quad (A-\lambda I)v=0.
\]
Das ist ein homogenes lineares Gleichungssystem.
Definition (Eigenraum).
Für einen Eigenwert \(\lambda\) heißt
\[
V(\lambda)=\ker(A-\lambda I)=\{v\in K^n \mid (A-\lambda I)v=0\}
\]
der Eigenraum zu \(\lambda\). Er enthält alle Eigenvektoren zu \(\lambda\) (und zusätzlich den Nullvektor).
Satz.
\(\lambda\) ist genau dann Eigenwert von \(A\), wenn
\[
\det(A-\lambda I)=0.
\]
Denn \((A-\lambda I)v=0\) hat genau dann eine nichttriviale Lösung \(v\neq 0\), wenn \(A-\lambda I\) nicht invertierbar ist.
3. Charakteristisches Polynom
Definition.
Das charakteristische Polynom von \(A\) ist
\[
\chi_A(\lambda)=\det(A-\lambda I).
\]
Die Eigenwerte sind die Nullstellen von \(\chi_A\).
Prüfungswissen.
Für \(n\times n\)-Matrizen ist \(\chi_A\) ein Polynom vom Grad \(n\).
Die Summe der algebraischen Vielfachheiten aller Eigenwerte ist immer \(n\).
4. Algebraische und geometrische Vielfachheit
Algebraische Vielfachheit \(e_\lambda\).
Ist \(\lambda\) Nullstelle von \(\chi_A\), dann ist \(e_\lambda\) die Ordnung dieser Nullstelle:
\[
\chi_A(\lambda)=(\lambda-\lambda_0)^{e_{\lambda_0}}\cdot p(\lambda),\quad p(\lambda_0)\neq 0.
\]
Geometrische Vielfachheit \(d_\lambda\).
\[
d_\lambda=\dim V(\lambda)=\dim\ker(A-\lambda I).
\]
Sie ist die Anzahl linear unabhängiger Eigenvektoren zum Eigenwert \(\lambda\).
Satz (Wichtige Ungleichung).
Für jeden Eigenwert gilt
\[
1 \le d_\lambda \le e_\lambda.
\]
Typischer Klausurfehler.
Wenn \(\lambda\) doppelt im Polynom vorkommt (\(e_\lambda=2\)), heißt das nicht, dass es automatisch zwei unabhängige Eigenvektoren gibt.
Man muss \(d_\lambda=\dim\ker(A-\lambda I)\) wirklich ausrechnen.
5. Diagonalisierbarkeit (der zentrale Check)
In Klausuren kommt sehr häufig die Frage: „Ist die Matrix diagonalisierbar?“
Das hängt direkt mit den Eigenräumen zusammen.
Satz (Kriterium).
Eine Matrix \(A\in K^{n\times n}\) ist über \(K\) diagonalisierbar genau dann, wenn es \(n\) linear unabhängige Eigenvektoren gibt.
Äquivalent:
\[
\sum_{\lambda\ \text{Eigenwert}} d_\lambda = n.
\]
Diagonalform.
Ist \(A\) diagonalisierbar, gibt es eine invertierbare Matrix \(S\) (Spalten: Eigenvektoren) und eine Diagonalmatrix \(D\) (Eigenwerte auf der Diagonale) mit
\[
A = S D S^{-1}.
\]
Warum ist das hilfreich?
Potenzen werden einfach:
\[
A^k = S D^k S^{-1},\qquad D^k=\mathrm{diag}(\lambda_1^k,\dots,\lambda_n^k).
\]
Das taucht oft bei Rekursionen, Dynamik und Iterationen auf.
6. Standard-Algorithmus: So löst du Altklausur-Aufgaben
Rezept (immer gleich).
- \(\chi_A(\lambda)=\det(A-\lambda I)\) berechnen.
- Eigenwerte als Nullstellen finden, algebraische Vielfachheiten \(e_\lambda\) ablesen.
- Für jeden Eigenwert \(\lambda\): Eigenraum \(V(\lambda)=\ker(A-\lambda I)\) berechnen.
- Geometrische Vielfachheit \(d_\lambda=\dim V(\lambda)\) bestimmen.
- Optional: Diagonalisierbarkeit prüfen über \(\sum d_\lambda=n\).
- Optional: Diagonalisierung \(A=SDS^{-1}\) aufbauen (falls gefragt).
Wenn du schnell sein willst:
Bei vielen Klausurmatrizen ist \(\det(A-\lambda I)\) wegen Struktur schnell:
- Dreiecksmatrix → Produkt der Diagonaleinträge.
- Blockmatrix → Determinante ist Produkt der Block-Determinanten (wenn passend angeordnet).
- Viele Nullen → Laplace-Entwicklung entlang einer Nullzeile/-spalte.
7. Beispiele (klausurtypisch)
Beispiel 1 — Dreiecksmatrix (Eigenwerte sofort).
Sei
\[
A=\begin{pmatrix}
2 & 1 & 0\\
0 & 1 & 5\\
0 & 0 & -1
\end{pmatrix}.
\]
Dann ist \(A-\lambda I\) wieder obere Dreiecksmatrix und
\[
\chi_A(\lambda)= (2-\lambda)(1-\lambda)(-1-\lambda).
\]
Also Eigenwerte: \(\lambda=2,1,-1\) (jeweils \(e_\lambda=1\)).
Eigenräume bekommst du durch Lösen von \((A-\lambda I)v=0\).
Beispiel 2 — Blockstruktur wie in Altklausuren (schneller als volle Determinante).
Sei
\[
A=\begin{pmatrix}
7&0&0&6\\
0&1&0&0\\
0&0&1&0\\
6&0&0&7
\end{pmatrix}.
\]
Die Koordinaten \(2\) und \(3\) liefern sofort Eigenwert \(1\) (weil \(Ae_2=e_2\), \(Ae_3=e_3\)).
Der interessante Teil ist der \(2\times2\)-Block
\[
B=\begin{pmatrix}7&6\\6&7\end{pmatrix}.
\]
\[
\chi_B(\lambda)=\det(B-\lambda I)=(7-\lambda)^2-36=(1-\lambda)(13-\lambda).
\]
Insgesamt folgt \(\chi_A(\lambda)=(1-\lambda)^2\cdot(1-\lambda)(13-\lambda)=(1-\lambda)^3(13-\lambda)\).
Daraus: \(e_1=3\), \(e_{13}=1\). Die geometrischen Vielfachheiten erhält man aus \(\ker(A-\lambda I)\).
Beispiel 3 — Unterschied zwischen algebraischer und geometrischer Vielfachheit.
Angenommen \(\chi_A(\lambda)=(\lambda-2)(\lambda+1)^2\). Dann ist \(e_{-1}=2\).
Trotzdem kann \(d_{-1}\) entweder \(1\) oder \(2\) sein:
- Wenn \(\dim\ker(A+I)=2\), dann \(d_{-1}=2\) und der Eigenwert liefert zwei unabhängige Eigenvektoren.
- Wenn \(\dim\ker(A+I)=1\), dann \(d_{-1}=1\) und es fehlt ein Eigenvektor → nicht diagonalisierbar.
In Klausuren wird genau dieser Unterschied oft abgefragt.
8. Wie berechnet man Eigenräume zuverlässig?
Für jedes \(\lambda\) löst du das homogene System \((A-\lambda I)v=0\).
Das bedeutet: Gauß-Algorithmus / Zeilenumformungen → freie Variablen → Parameterdarstellung.
Schema (Eigenraum).
- Matrix \(A-\lambda I\) bilden.
- Mit Gauß auf Zeilenstufenform bringen.
- Freie Variablen als Parameter setzen (\(s,t,\dots\)).
- Lösungsvektor als Linearkombination schreiben:
\[
v = s v^{(1)} + t v^{(2)} + \dots
\]
- Die Anzahl der Parameter ist \(d_\lambda\).
Mini-Check.
Wenn du \(k\) freie Variablen hast, dann ist \(\dim\ker(A-\lambda I)=k\).
Das ist genau die geometrische Vielfachheit.
9. Schnelltests und Invarianten (häufige Klausurtricks)
- Spur: \(\mathrm{tr}(A)=\sum \lambda_i\) (mit Vielfachheiten).
- Determinante: \(\det(A)=\prod \lambda_i\) (mit Vielfachheiten).
- Invertierbarkeit: \(A\) invertierbar \(\Leftrightarrow 0\) ist kein Eigenwert \(\Leftrightarrow \det(A)\neq 0\).
- Orthonormale Eigenvektoren: Bei symmetrischen Matrizen (über \(\mathbb{R}\)) kann man orthonormal diagonalieren.
Achtung.
Spur/Determinante helfen beim Prüfen (Plausibilität), ersetzen aber nicht das Berechnen der Eigenräume,
wenn geometrische Vielfachheiten oder Diagonalisierbarkeit gefragt sind.
10. Typische Aufgabenformen aus Altklausuren (und wie du sie angehst)
Typ A: „Bestimmen Sie Eigenwerte und Eigenräume“
→ Rezept aus Abschnitt 6, Eigenräume per Gauß.
Typ B: „Bestimmen Sie algebraische und geometrische Vielfachheiten“
→ \(e_\lambda\) aus \(\chi_A\), \(d_\lambda\) aus \(\dim\ker(A-\lambda I)\).
Typ C: „Ist \(A\) diagonalisierbar?“
→ Prüfe \(\sum d_\lambda=n\). Falls ja: \(S\) aus Eigenvektoren bauen, \(D\) diagonal mit Eigenwerten.
Typ D: „Berechnen Sie \(A^k\)“ oder Rekursionen
→ Wenn diagonalisierbar: \(A=SDS^{-1}\), dann \(A^k=SD^kS^{-1}\).
11. Häufige Fehler (und wie du sie vermeidest)
- Fehler 1: \(\det(A-\lambda I)\) falsch (Vorzeichen, Rechenfehler).
Tipp: nutze Struktur (Dreieck, Block, Laplace) statt „blind“ auszumultiplizieren.
- Fehler 2: Aus \(e_\lambda=2\) automatisch \(d_\lambda=2\) schließen.
Tipp: \(d_\lambda\) immer über den Kern bestimmen.
- Fehler 3: Eigenvektoren falsch normieren/Parameter vergessen.
Tipp: Eigenraum als Linearkombination mit Parametern schreiben.
- Fehler 4: „0“ als Eigenvektor zulassen.
Tipp: Eigenvektor muss \(v\neq 0\) sein, aber Eigenraum enthält 0.